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April 2020

Wenn Distanz ein Zeichen von Liebe wird

Pflege in Einrichtungen für Demenzkranke wird unendlich schwierig, wenn man sich nicht mehr nähern darf, berichten Helferinnen.

Beatrix Palm ist Altenpflegerin im St. Lukas Pflegeheim in Solingen (Foto: Kplus/Uli Preuss). Janine Schäkel arbeitet im St. Marien Altenheim in Monheim (Foto: Kplus/Thomas Hladisch).

Zuneigung, ein wenig Zärtlichkeit und menschliche Nähe sind Pflegeinstrumente im Umgang mit den dementen Senioren im Ohligser St. Lukas Pflegeheim und im Monheimer St. Marien Altenheim. Denn was in Zeiten von Corona schwierig wird, war früher immer Alltag auf den Stationen. Es gibt diese Bilder aus vergangenen Jahren, die die Arbeit dokumentieren. Eine Umarmung, ein kleiner Spaziergang, gern untergehakt und im kleinen Garten, ein Lachen, ein Herzen, das alles ist nicht mehr selbstverständlich, wissen die Pflegerinnen Beatrix Palm und Janine Schäkel. 

Die Ohligserin Beatrix Palm hat noch sechs Jahre bis zu Ihrer Rente, arbeitet seit 35 Jahren im St. Lukas Pflegeheim an der Schwanenstraße. „Nein“, sagt sie entschieden, „nein, so etwas wie jetzt habe ich nicht einmal in Ansätzen erlebt.“ Die Pflegerin weiß: Routine war ihr Job nie. Nicht das Frühstück mit ihren Schützlingen, nicht der Tagesablauf. Aber jetzt? 22 Kranke gilt es zu versorgen im Wohnbereich 3. Manche leiden an altersbedingter Demenz, bei anderen hat die Sucht diese Krankheit gefördert. Die Monheimerin Janine Schäkel wiederum arbeitet seit sechs Jahren im Wohnbereich III des St. Marien Altenheims nahe am Schelmenturm. 25 Bewohnerinnen und Bewohner, die teilweise an altersbedingter Demenz leiden, werden von ihr im Schichtdienst betreut. 

Beide Frauen beginnen ihre Schicht um 6:15 Uhr. Dann geht es in den Alltag, der nicht mehr ist, wie er früher war. Das Frühstück ist ein Zureichen auf Distanz geworden, ein Gespräch darf nicht zu nahe geführt werden und wird stattdessen lauter. Die Visiten, die Hygiene – alles verschwindet hinter einer unpersönlichen Stoffmaske. Eine Maske, die manche Bewohner tragen, nicht alle. „Versuchen sie mal, einem dementen Menschen etwas aufzusetzen, gegen das er sich sträubt“, fordert  Janine Schäkel auf, Unmögliches zu tun. Auch die Arbeit der Sozialen Betreuer, die immer schon tagsüber den Senioren im Heim Abwechslung brachten, sei anders geworden. Die Spiele, das Singen, alles passiert jetzt in kleinen Gruppen. Im St. Lukas Pflegeheim ist das gemeinsame Zubereiten einer Suppe beispielsweise längst über das Haus verteilt. Was früher gemeinsam an einem großen Tisch passierte, findet auf den Etagen statt. Oben werden Kartoffeln geschält, ein Stockwerk tiefer das Gemüse geputzt, weiter unten kommt alles in den Topf. 

Das Schlimmste sei, dass ihre Bewohner oft nicht wüssten, warum das so ist. Sie alle, Bewohner wie Pfleger, seien herausgerissen aus einem ehemals eingespielten, bewährten und sehr persönlichen Alltag. Kaum einer kann verstehen, warum auf einmal Nähe zur Gefahr geworden ist. Und warum sie jetzt nur noch in absoluten Ausnahmefällen gedrückt und umarmt werden. Gewohnte Gesten, jetzt Entbehrungen, die nicht wenige verzweifeln und weinen lassen. Nur eine Bewohnerin habe sie dann doch in Erstaunen versetzt, erinnert sich Beatrix Palm. „Das ist wegen Corona, das ist ein Virus“ habe sie ihr erklärt und Verständnis gehabt für die neue, ungewohnte Andersartigkeit des Umgangs. Janine Schäkel sträubt sich in manchen Momenten – Bestimmungen hin oder her: „Ehrlich, bevor mir einer meiner Schützlinge zusammenbricht, nehme ich ihn weiterhin tröstend in den Arm“.

Gottlob gäbe es da immer noch Ideen, wie man alles ein bisschen erträglicher machen könnte. Wie etwa dieses Videotelefon. Tablet-Computer wurde von den Heimleitungen angeschafft. Beatrix Palm: „Das wird jetzt sehr angenommen, endlich können die Bewohner mit ihren Angehörigen sprechen und sie gleichzeitig sehen, denn viele, verstehen nicht, warum der Bruder, der Vater oder die Ehefrau nicht zu ihnen ins Zimmer kommen.“

Oder diese vielen, bunten Bilder. Die hängen seit den ersten Corona-Tagen am Eingang. Gemalt von Kindern für ihre Omas und Opas. Kinder, die auch nicht zu Besuch kommen dürften. Denn auch Verwandte, ob groß oder klein, kämen genauso wenig klar mit dieser Situation, berichtet Janine Schäkel. Tägliche, immer besorgte Anrufe von außen sprächen eine deutliche Sprache, und mitten im Satz verberge sich immer wieder die unausgesprochene Frage, ob man die Mutter, den Vater jemals wiedersehen werde.

Besonders bedrückend sei es für die Angehörigen, die bis Anfang Februar ihre Eltern täglich besucht hätten. Beatrix Palm weiß von den fünf Schwestern, die abwechselnd kamen und ihre über 90 Jahre alte Mutter jetzt nur noch am Fenster sehen können. „Sie hat dann ein desinfiziertes Telefon in der Hand und spricht mit den Kindern, die unten auf der Straße stehen und oft weinen“, sagt Beatrix Palm bekümmert. Andererseits wären es genau die Angehörigen, die sie bei ihrer Arbeit bestärken würden. Da kämen Anrufe, ein Lob, ein Mitgefühl, kleine Geschenke. Oder der Dankesbriefe, wie der der Familie W., deren Vater ausgerechnet Ende März ins Ohligser Haus kam und trotz aller Widrigkeiten liebevoll aufgenommen wurde.

„Einige Angehörige nähen für uns sogar die Schutzmasken“, berichtet Janine Schäkel. Zu Ostern haben sie dann in Monheim noch eine Aktion gestartet. Verwandte aus ganz Deutschland hätten Bilder geschickt. Auch Fotos aus Frankreich seien dabei gewesen, erinnert sich die Pflegerin und berichtet davon, wie beglückend es für die Senioren war, wenigstens so ihre Lieben zu sehen. 

Soweit die eine Seite. Doch was macht das alles mit den Mitarbeitern selbst? Was mit den Pflegerinnen? Peinlichst sind alle darauf bedacht, sich außerhalb des Heims nicht selber anzustecken, Fahrgemeinschaften werden gebildet, um den Bus zu meiden. Ein privater Einkauf würde ängstlich geplant: „Nur nicht mit vielen Menschen zusammenkommen“, sagt Beatrix Palm. Sie selbst könne sich nach Feierabend nicht mehr auf ihre wertvolle Freizeit konzentrieren. „Manchmal putze ich wie eine Blöde, um einfach abschalten und nicht nachdenken zu müssen“, sagt sie. Denn unweigerlich ginge es dann in eine andere, eine furchtbare Richtung. Das empfindet auch Janine Schäkel so, der Telefongespräche mit ihrer Mutter Andrea helfen, die selbst Pflegerin in einem Langenfelder Heim ist: „Was wäre, wenn man im Alltag selbst das Virus bekommt und es zu den Bewohnern trägt?“ Ein schlimmer Gedanke. Bei dem zucken die Pflegerinnen und Pfleger schon zusammen, wenn eine Kollegin wie jeden Frühling ihren Heuschnupfen bekommt.



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